Die unendliche Tragödie

3. August 2014

Mein Kumpel Labby, Lehrer unter anderem für Politik, erzählte mir neulich dies:
Zusammen mit einem jungen Kollegen bereitet er in jedem Schuljahr eine Unterrichtseinheit über den israelisch-palästinensischen Konflikt vor. Bei der Gelegenheit bemerkte der Junglehrer: „Das werde ich wohl noch bis zu meiner Pensionierung machen.“

So sieht’s aus. Aber eigentlich ja noch schlimmer. Denn während die Schuldienstzeit des Nachwuchslehrers, sagen wir, noch 40 Jahre dauert, kann man sich ein Ende dieser Todfeindschaft im Nahen Osten nicht einmal in diesem Zeitraum vorstellen. Vielleicht nicht mal in einem Jahrhundert.

Denn WIE soll es je eine Lösung geben? Wenn man das Ganze mal auf vier Hauptprobleme runterbricht, sieht das etwa so aus:

1. Die Flüchtlinge

Seit Generationen leben hunderttausende von Palästinensern in Flüchtlingslagern in Jordanien, im Libanon etc. Sie alle haben das Ziel, in ihre Heimat, sprich, das heutige Israel oder eins der verkrüppelten Gebilde, die sich „autonome palästinensische Gebiete“ nennen, zurückzukehren. Ersteres geht nur über Israels Leiche, und die letzteren sind nicht nur nicht lebensfähig, sondern bereits hoffnungslos überbevölkert. Die Rückkehr wird auf ewig ein Traum bleiben.

2. Das Wasser

Israel sitzt am Wasserhahn einer extrem trockenen Region und kann den Palästinensern nach Lust und Laune das kostbarste aller Güter abdrehen. Zusammen mit der sonstigen Abriegelung z.B. des Gaza-Streifens, der so zu einer Art Freiluft-Knast geworden ist, aber ebenso der des Westjordanlandes, ergibt sich ein Würgegriff, der die Palästinenser permanent unter Atemnot hält. Den zu lockern sind die Israelis nicht bereit, aus der Furcht heraus, ihren Gegnern so unter Umständen eine Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, die die eigene Existenz gefährdet. Das Misstrauen hat einen Reinheitsgehalt von
100 %.

3. Die Siedlungen

Seit Jahrzehnten unterläuft Israel alle internationalen Abmachungen und baut im Westjordanland immer neue, jüdische Siedlungen. So ist aus dem „Palästinenserstaat“ ein Flickenteppich geworden, dicht getupft von schwer geschützten, israelischen Enklaven. Man sehe sich mal eine Karte an.
Wie soll DAS jemals entwirrt werden? Und wie weltfremd mutet die Vorstellung an, dass diese Siedlungen je wieder aufgegeben werden? Auch Israel hat Bevölkerungsdruck und die Siedler selbst begreifen diese Gebiete schnell ebenso als Heimat wie den israelischen Kernstaat. Die Existenz dieser zahllosen Enklaven mit ihren eigenen, für Araber gesperrten Highways, Schutzzäunen etc. aber macht jede zusammenhängende Infrastruktur des Palästinenserstaats und damit ihn selbst unmöglich.

4. Jerusalem

Selbst wenn das Unerwartete einträte und es für die handfesten, physisch realen Probleme, die ich oben angeführt habe, eine Lösung gäbe, bliebe immer noch eines, das aus ganz anderem und viel dauerhafterem Stoff gemacht ist:
Der Religion. NIEMALS werden die Araber sich damit abfinden, dass IHRE heiligen Stätten in Jerusalem unter israelischer Kontrolle sind, und NIEMALS werden die Israelis den Anspruch auf IHRE heilige Stadt aufgeben.

Nach allem, was den Juden in den letzten zweitausend Jahren und besonders im letzten Jahrhundert geschehen ist, sollte man das Existenzrecht Israels – und auch sein Recht auf Selbstverteidigung – nicht in Frage stellen. Aber ebensowenig kann man sich der palästinensischen Forderung nach einer menschenwürdigen, unabhängigen Existenz verweigern.

Es ist tragisch und voll bitterer Ironie, dass sich in der jungen, israelischen Geschichte der Leidensweg der Juden in mancher Hinsicht seitenverkehrt spiegelt, indem sich die Israelis in der Region die Rolle eines „Herrenvolks“ zubilligen.

Das macht zynisch - so wie es die Hamas auch ist: Durch den permanenten Raketenbeschuss hat sie genau das erreicht, was sie erreichen wollte: Die übliche, völlig überzogene Reaktion Israels mit vielen zivilen Opfern. Das schafft internationale Wut und erhöht die Militanz der eigenen Leute. Und es sorgt für Nachwuchs. Fast 50 % der Gaza-Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre und fast 100 % der jungen Männer haben keinerlei wirtschaftliche Perspektive. So wird der Strom an neuen Kämpfern nie versiegen.

Es ist der paradoxeste aller Kriege: Keiner kann ihn endgültig gewinnen, aber keiner kann ihn auch aufgeben, in dem Glauben, dass ein „Schwäche-Zeigen“ letztlich doch der Anfang vom Ende sein könnte. Der Krieg ernährt sich aus sich selbst.

Homeboy Gone

10. Mai 2014

Es ist seltsam, wie sehr der Tod berühren kann, selbst, wenn es einen Menschen betrifft, der einem nicht wirklich „nahe“ stand – jedenfalls nicht im üblichen Sinne.

Vor ein paar Tagen starb unser Nachbar Holli – mit 70 und ziemlich plötzlich. Kam kurz vor Ostern mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus, sofort OP, Intensivstation, Koma, Ende. Genaueres weiss ich (noch) nicht.
Als wir vor vielen Jahren einzogen, wohnte Holli schon lange hier im Haus, in einer dunklen, kleinen Parterrewohnung mit seiner afrikanischen Frau und ihrem gemeinsamen Sohn. Und weil die Bude eben eng und dunkel war, spielte sich sein Leben – wenn witterungsmäßig irgend möglich – auf dem Vorplatz vor dem Haus ab, wo er sich eine Art „wilde“ Terrasse geschaffen hatte, mit Gartenmobiliar, Markise und vielen Blumenkübeln. Zu Ostern hing die Oase natürlich voller Eier, auch Weihnachten wurde sorgfältig dekoriert, und bei den grossen Fussball-Turnieren war die Markise immer mit den Flaggen der teilnehmenden Nationen bestückt. Das Spiel selbst bedeutete Holli nicht viel, es war einfach nur ein willkommener Anlass, neuen Glanz in seine kleine Open-Air-Lounge zu bringen.

Holli war das schwarze Schaf der Familie gewesen – was man auch an der tätowierten Knastträne an seiner Hand erkennen konnte. Er hat mir auch vor Jahren mal was in der Richtung erzählt, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Das war alles schon lange her, er war damals schon Frührentner, der sein kleines Leben lebte und gesundheitlich schon angezählt war. Allzu viel Luft kriegte er nicht mehr, hatte auch schon ein paar Bypässe, und wenn er mit seinem Klappfahrrad im gelben Jogginganzug zum Supermarkt fuhr, war das manchmal eine ziemlich eirige Angelegenheit. Aber er war immer irgendwie busy, reparierte mal eine Holzbank aus seiner Stammkneipe jenseits der Gärtnerstrasse, strich das Geländer beim Imbiss an der Ecke – besonders viel Sorgfalt verwendete er auf die schmiedeeisernen Grillhähnchen, die er mit glänzendem Goldlack versah- oder er pflanzte und dekorierte. Und zwischendurch sass er dann an seinem Gartentisch mit der Resopal-Tischdecke, hörte NDR 2 und rauchte ein Kippchen oder mampfte eine Stulle.

Holli war für mich ein natürlicher Stimmungsaufheller. Ich begegnete ihm natürlich oft – er war auch quasi die Paketstation des Hauses - dann quatschten wir immer mal ein paar Takte, zischten im Sommer abends auch mal ein Bier in seiner Gehweg-Laube. Constanze, seine Frau, sah man weniger oft draussen, es schien, als sei das ganz besonders sein Raum, sein kleines Stückchen Open-Air-Freiheit.

Es war eine spezielle, homy Atmosphäre von Vertrautheit und verlässlicher Gemächlichkeit, die er verbreitete und die tatsächlich ein Stück unseres Lebensgefühls hier war. Es ist einfach uncool und fremdartig, an einem schönen Abend nach hause zu kommen, ohne dass Holli in seiner bunten Mini-Welt sitzt oder man ihm auf seinen Fahrradtouren irgendwo im Viertel begegnet. Das geht auch den anderen Nachbarn so, alle sind irgendwie perplex und fühlen sich verlassen – selbst, wenn der Kontakt über freundliches Grüssen und ein paar gute Wünsche zu Weihnachten kaum hinausging. Und nun findet auch erstmals eine WM ohne Hollis Flaggen vor dem Haus statt. Sad. Homeboy gone.

Magischer April

17. April 2013

Heute wäre mein Bruder Ralf 52 Jahre alt geworden. Fast 11 Jahre ist er nun tot. Von der Wand links neben mir grinst er fusselbärtig vom Foto - mit Stangenzigaretten und neuen Modellautos. Ein Geburtstagsbild.

Dabei kommt mir in den Sinn, daß wir den Umstand, daß unser beider Geburtstage auf Mitte April fielen, schon als Kinder als verbindendes Privileg empfunden haben. Es war ganz klar, daß es nur einen richtigen Monat dafür gab: Den April mit seinen ersten warmen Tagen, wenn sich die allgemeine Hochstimmung von Natur und Leuten so wunderbar mit der eigenen verband – mit der Verheißung des Älterwerdens und des Beschenktwerdens. Definitiv besser als der Sommer, nicht nur weil dann oft wegen der großen Ferien auf den Kindergeburtstagen gähnende Leere herrschte, sondern vor allem weil, wenn man im April Geburtstag hatte, der Sommer (plus Mai!!) eben noch VOR einem lag. Man hatte ihn noch gar nicht angebrochen, war aber mit Sachen wie einem neuen Fahrrad oder Walkie Talkies – US- Produkten von erstaunlicher Reichweite und von meiner nach New York emigrierten Tante gesandt - bestens gerüstet.

Frühling war deshalb natürlich auch klar besser als Herbst, der sowieso schon zu trist war. Die Kastanienbastelei machte mich immer schwermütig. Und auf jeden Fall besser als Winter, wo die zwangsläufige Nähe zu Weihnachten eine irgendwie ungute Ballung zweier Höhepunkte brachte, die dadurch nicht nur an Farbigkeit und Intensität einbüßen mußten, sondern auch – wie ich aus der Beobachtung Betroffener wußte - eine ärgerliche Ökonomisierung des Geschenkvolumens verursachte. Der April hingegen lag strategisch perfekt – etwa in der Mitte zwischen zwei Weihnachten.

Ich stehe eine Weile am Fenster und beobachte eine Katze, die träge und mit halbgeschlossenen Augen über einen sonnenbeschienenen Vorgartenrasen flaniert. Der letzte war wirklich ein unglaublich langer Winter, dunkel, zäh, eiskalt bis weit in den April hinein. Die Welt taut gerade erst auf und inhaliert Wärme und Licht wie ein fast Ertrunkener. Und dann explodiert in wenigen Tagen das Grün, Knospen und Blätter entrollen sich, jede Pflanze wird zum Chlorophyll-Kraftwerk, das wahrscheinlich laut vor sich hinbrummt, aber in Frequenzen, die wir nicht wahrnehmen können.

Ich laufe eine Weile am Kanal entlang. Die Frauen zeigen wieder Bein, und die Luft ist aufgeladen mit erotischen Molekülen, manchmal fliegen sie ganz nah vorbei. Im Gebüsch am Wasser schmettert eine Amsel eine wilde Arie, unvermittelt unterbrochen von einer Kreissäge. Shit happens – wenigstens ist sie nicht hineingeraten.

Ich biege auf die Hohe Weide ein und denke wieder an Ralf und unseren Frühling mit den Walkie Talkies, wo wir auf der stillgelegten Müllkippe hinter unserem Haus wahlweise Astronauten oder Cops waren, deren technische Ausrüstung bei den anderen Jungs ungläubiges Staunen erzeugte. Ich muß grinsen, wobei mich eine junge Frau mit Kinderwagen anschaut, die mir entgegenkommt. Sie hat keine Ahnung, was mich so fröhlich macht, aber auch sie muß unwillkürlich lächeln, als sie vorbeigeht.

Im Land der Gerechten

16. Februar 2013

Ist es nicht eine Lust, in einem Land zu leben, in dem man rückhaltlos den Finger in die moralischen Wunden legt, in dem öffentliche Mißstände und die Verfehlungen der Politiker derart schonungslos gegeißelt werden? Einem Land, in dem die höchsten moralischen Maßstäbe angelegt werden und eine unbestechliche, hochsensible Öffentlichkeit jede Verletzung derselben mit einem weithin hörbaren Aufschrei der gerechten Empörung beantwortet? Einem Land, in dem ein Skandal auch unerschrocken als solcher bezeichnet wird?

Man muss sich nur noch einmal die Liste der jüngeren Skandale vor Augen führen, um wirklich zu begreifen, auf welch hohem Niveau wir mittlerweile angekommen sind, wenn es um die Ahndung krassen Fehlverhaltens öffentlicher Personen geht.

Bundespräsident Köhler musste – quasi - gehen, als er mitteilte, daß der Einsatz in Afghanistan auch Deutschlands wirtschaftlichen Interessen diene. Richtig so! Wer auf so unhöfliche Art und Weise die Wahrheit sagt, hat sein Amt verwirkt.

Und der nächste war ja nicht besser: Es schien zwar, dass Wulff nur linkisch und zwei Nummern zu klein für die Rolle des Staatsoberhaupts war, aber das verdeckte nur die Sicht auf einen durch und durch korrupten Strippenzieher, der sich von halbseidenen Film-Lobbyisten ein Hotelzimmer auf Sylt bezahlen ließ. Und damit nicht genug: Auch der Strandkorb soll für ihn billiger gewesen sein als für uns Normalmenschen. Na, der hat sein Fett gekriegt, er kann von Glück sagen, dass er nicht vor den Staatsgerichtshof kam.

Und dann Steinbrück! Läßt sich Vorträge bezahlen – mit fünfstelligen Summen! Ha, da war aber was los!

Am ekligsten ist natürlich die Sache mit Brüderle. Die Stern-Reporterin muss aus allen Wolken gefallen sein, als er plötzlich nachts um 12 an der Hotelbar ihre Körbchengrösse lobte. Die Frau war ein Jahr lang völlig traumatisiert, bis sie endlich drüber reden konnte. Die gerechte, öffentliche Empörung folgte natürlich, aber in dem Fall ist durchaus noch Luft nach oben. Solche sexistische Grausamkeit ist nicht weniger verletzend als ein Schlag auf den Kopf – und dafür gibt es schliesslich Schmerzensgeld.

Überhaupt: Wenn es um sexuelle Unregelmäßigkeiten geht, schlägt der moralische Geigerzähler zuverlässig Alarm. So in dem Fall jenes mittelalten CDU-Politikers aus Schleswig-Holstein, der die Unsäglichkeit beging, mit einer 16-Jährigen, die ihn bei facebook angeflirtet hatte, eine kurze Affäre zu beginnen. Nichts Kriminelles zwar - leider- aber doch so eklig, daß der schmierige Typ bei Bekanntwerden des Sachverhalts seine politische Karriere in den Wind schreiben konnte. Bravo!

Wie besonnen und maßvoll die Öffentlichkeit aber reagiert, wenn sich dieselbe Sache unter schwulen Vorzeichen abspielt, ist vielleicht das schlagendste Indiz für die große politisch-moralische Reife, die unsere Gesellschaft inzwischen erreicht hat. Um jedweden homophoben Reflex von vornherein zu unterdrücken, behandelte die Hamburger Presse die kleine Schwäche des reifen Bürgermeisters Ole von Beust für sehr junge Herren stets mit verschwiegenem, augenzwinkerndem Wohlwollen. Dafür konnte der Mann schließlich nichts, und als er dann über Nacht seinen Hut nahm, um sich fortan mehr seinem gerade erst volljährig gewordenen Gespons – den er schon im zarten Alter von 16 unter seine Fittiche genommen hatte – zu widmen, wand man ihm einen Blumenkranz und wünschte Glück. Die Liebe ist schließlich eine Himmelsmacht. Das nenne ich Fingerspitzengefühl!

Der schöne Schmerz

5. Januar 2013

Es sind dunkle, zähe Tage, das Jahr hat gefühlt noch nicht wirklich begonnen, erst am Montag wird das Reich der Notwendigkeit wieder richtig angeworfen.

Wie schon zuvor ein paar Mal bin ich direkt nach dem Ende unserer Weihnachts-Blitz-Tournee semi-krank geworden – kleine Bronchitis, die Nase läuft, ein stetiges, leichtes Reißen in den Gliedern. Immer wenn die psychische und physische Hochspannung weicht, fangen ein paar Aggregate an zu stottern, es ist, als ob mein Körper sich nach getaner Arbeit ganz von selbst seine Auszeit nimmt. Gleichzeitig dimmt auch meine Psyche das Licht. Nach dem raschen Ritt auf den Adrenalin- und Serotoninwellen, die die Live-Konzerte und das ganze Drumrum aufgewühlt haben, ist sie ein paar Tage müde und ausgewrungen: Post coitum animal triste est.

Ich bin dann ganz fassungslos über das Leben im Allgemeinen und meins im Besonderen. Mir ist, als steige ich in einer gläsernen Kugel über meiner eigenen Seelenlandschaft auf, ich fliege über Täler der Erinnerung und Ozeane versunkener Gefühle, am trüben Himmel zucken Lichter, die manchmal zu Gesichtern werden. Und ich empfinde dabei einen seltsamen, alles umfassenden Schmerz, es ist eine Art universelle Traurigkeit: Über ALLES, das wird und vergeht, was in meinem Leben war und noch sein wird, Traurigkeit über Verluste, die ich noch gar nicht erlitten habe und die doch so unausweichlich sind.

Es fühlt sich an, als koste ich von der wahrhaftigsten aller Substanzen, der Melancholie darüber, in diese Welt hineingeworfen zu sein wie ein Hund ohne Knochen – in eine Welt, die uns alles, was wir lieben, unfehlbar wieder entreißt. Wir sind wahrhaft einsame Wanderer ohne Kompass, einem Schicksal ausgeliefert, das wir nicht verstehen, geschweige denn wirklich steuern können. Die wirklich wichtigen Dinge können wir nicht formen und beeinflussen, und so schaffen wir uns wenigstens das Legoland, das wir „die Realität“ nennen, ein wilder, burlesker Spielplatz kreuzintelligenter Primaten, die sich irgendwie die Zeit vertreiben müssen.

So schwebe ich zwei, drei Tage in meiner Kugel der tieferen Wahrheit, bis ich wieder Boden unter den Füssen spüre und alles wieder stofflich wird. Wieder angekommen im unmittelbaren Rausch des Seins, im Reich der selbstvergessenen Geschäftigkeit und des instinktiven Kampfs ums gute, anfassbare Leben. Nach dem schwebenden, düsteren Nichts scheint jedes Licht um so heller, jede Berührung intensiver, jeder Klang voller. Die Welt riecht und schmeckt wieder neu, und ich beginne wieder, sie zu verschlingen – so wie sie mich verschlingt und in einem rasenden Strom von sich gegenseitig bedingenden Ereignissen mit sich fortreißt.

Dasselbe in Grün

2. Dezember 2012

Nun kommt es also in meiner alten Heimat NRW: Das absolute, ausnahmefreie und hermetische Rauchverbot. Die letzten Raucherghettos in öffentlichen Räumen werden nun aufgelöst, die ohnehin psychisch schon schwer malträtierten Bewohner endgültig in die unwirtliche Diaspora der zugigen Strassenecken und Toreinfahrten gejagt. Aber auch dort werden sie sich nicht lange sicher fühlen können.

Die zuständige, grüne Ministerin frohlockt – nicht etwa, weil man die Raucher zur Umkehr zwingen will – sie werden einfach mit Nichtbeachtung gestraft und per Tabaksteuer ausgeblutet, - sondern weil man nun endlich verhindern könne, dass sich unbescholtene Menschen von den qualmenden Schweinen ihre Gesundheit ruinieren lassen müssen.

Nun ist das ganze Geschwätz vom Passivrauchen zwar durch keinerlei medizinische Beweiskraft getrübt, aber ganz davon abgesehen: Der professionelle, sozial geübte Raucher – zu denen ich mich zähle - hat überhaupt kein Problem damit, z.B. in Restaurants auf die Lulle zu verzichten, auch in öffentlichen Gebäuden, ja sogar bei Rock-Konzerten, nun gut. Dass man aber in ungutem Fanatismus nun auch die letzten Reste der alten Eckkneipen-Kultur, der anheimelnd verqualmten Bars und der schwadendurchzogenen Schützenfestzelte beseitigt, ist einfach trist und vor allem eine Unverschämtheit der undemokratischsten Art. Denn weder wird irgendjemand gezwungen, in solchen Etablissements zu arbeiten, wenn er das nicht möchte noch sind dies Plätze, die von empfindlichen Nichtrauchern überhaupt aufgesucht werden. Der alte humanistische Grundsatz, dass doch jeder selbst entscheiden muss, was er seinem Körper zumuten möchte und was nicht, wird da mit Füssen getreten, die Regulierungswut der ansonsten komplett unausgelasteten EU-Bürokraten, der allgemeine Sicherheits-Wahn und die unerträgliche Besserwisserei und -leberei der Öko-Betonköpfe feiert immer neue Triumphe.

Es durfte ja neulich sogar ein CDU-Mann feststellen, ohne dafür ausgelacht zu werden: Die Grünen sind längst zur Partei der vermieften Kleinbürger mutiert. Ein prägendes Kennzeichen desselben war immer schon eine gepflegte Doppelmoral. Die kann man jetzt bei den altgrünen Besserverdienenden in ihren Altbau-Eigentumswohnungen beobachten. Während man in den wohlfeilen Sonntagsstatements der Integration und einer möglichst liberalen Einwanderungspolitik das Wort redet, schickt man die eigenen Sprösslinge doch lieber auf Schulen, wo der Ausländeranteil und die Hartz 4-Quote möglichst gering sind. („Was soll man machen, das Niveau ist sonst einfach zuuu schlecht.“).

Und dass die plötzliche, überstürzte Energiewende die Strompreise weiter rapide steigen lassen wird, kann der grüne, wohlsituierte Kleinbürger natürlich besser verkraften als Karl Arsch aus Hamburg-Horn. Was er aber möglichst nicht möchte, ist, dass der dadurch notwendig gewordene, gigantische Ausbau neuer Stromtrassen nun evtl. direkt bei seinem so pittoresk verwilderten Schrebergarten, den er gerade für 50.000 Euro erworben hat, ein 50 m hohes Strommasten-Monster entstehen lässt. Dann ist es Zeit für eine kleine Nachbarschafts-Bürgerinitiative. Da es sich nicht nur um Architekten, Studienräte und Zahnärzte handelt, sondern immer auch ein Jurist dabei ist, kann man dann eine Menge Fez machen.

Was vor 30 Jahren noch echt Not tat, nämlich das ignorante Zuscheissen der Landschaft zu stoppen, ist längst allgemeiner Konsens und hat inzwischen schon zu einem ökologischen Over-Exposure geführt. Ein paar Kaulquappen reichen womöglich aus, um den für den Hamburger Hafen und damit die Wirtschaftskraft der Stadt wichtige Vertiefung der Elbe um einen halben Meter jahrelang zu verzögern.

Ach ja, die Grünen, früher auch von mir gewählt. Es ist wohl einfach nur das alte Lied, dass das einst Revolutionäre, Fortschrittliche und Notwendige einfach irgendwann verspiessern muss, zu einer Verknöcherung führt, die es schier unmöglich macht, das schöne, festgezimmerte Weltbild, in dem man sich so wohlig furzend eingerichtet hat, ab und an mal anhand neuer Realitäten und einer veränderten Welt zu überprüfen. An dieser Stelle muss ich mich mal eben selbst zitieren – aus dem Song „Tanz mit mir“ von 1981: „Die Helden von heute sind die Arschlöcher von morgen.“

Ja, es stimmt: Es gibt beängstigendere Dinge - wie gewisse Nazi-Revivals, wie die komplette Undurchsichtigkeit der Finanzpolitik, wie die Verödung ganzer Grossstädte im Ruhrgebiet usw. und so fort. Aber mich bringt es gern mal auf die Palme. Schliesslich entstammen die Darsteller meist meiner Generation und demselben politischen „Milieu“ - da bin ich vielleicht besonders empfindlich.

Aber um dieses Unbehagen und den übrigen Schmerz der Welt mal abzuschütteln, gibt es ein Mittel: Ich werde mir gleich in einer netten Raucher-Kneipe um die Ecke mit einem Kumpel ein Pils gönnen und dazu eine anstecken. Hier in Hamburgo kann man das nämlich noch. Gott segne diese Stadt.

Ein Abend in Berlin

18. November 2012

Am Freitag war ich in Berlin, um ein bisschen Promo für unseren Gig am 11.12. im Wintergarten sowie auch unser Extrabreit-Bier zu machen. Eine gute Gelegenheit, um abends meinen alten Freund Jörg Hoppe und seine Family zu sehen.
Der Abend begann auf einer kleinen Nachbarschaftsparty in der Nähe, auf der ich auch unseren alten Wegbegleiter Hartwig Masuch traf, der einst in Hometown als hyperaktiver Sänger der „Ramblers“ bekannt war, als unser erster Verleger fungierte und unser erstes Album eingefädelt hat. Hartwig war immer der Typ, der Elvis’ Wahlspruch TCB – Take Care Of Business“ in die DNA tätowiert hatte, aber dass er nun Topmanager eines Weltkonzerns ist, war damals nicht unbedingt abzusehen.
Hartwig stand, wie immer betont understatement-mässig gekleidet, mit leicht gebeugten Schultern und dem alten, dekorativ-melancholischen Blick da und erzählte scheinbar beiläufig, aber nicht ohne ein Quantum Stolz, wie er jüngst sowohl mit Geldof als auch Bryan Ferry bei einer Fülle von geistigen Getränken um deren Songrechte gedealt hat. Der Sohn eines kleinen Handwerkers aus Hagen-Vorhalle verwaltet jetzt bei Bertelsmann ein 500 Mio-Budget, um weltweit Song-Rechte von popkulturellen Riesengarnelen zu erwerben. Was da dann irgendwo in Cannes oder NYC an edlen Mahagoni-Tischen festgeklopft wird, scheint sich für beide Seiten sehr zu lohnen. Man munkelt jedenfalls, dass Liz Mohn, die Big Mother des global players, einen richtigen Narren an ihm gefressen hat.

Hartwig ist ein einnehmender, konzilianter Typ, hat eine sympathische Frau, mehrere Kinder und ein Anwesen in der Uckermarck. Ein Mensch, der, so muss es einem scheinen, auf allen Ebenen das erreicht hat, was er sich erträumte – denn er hatte immer schon die Chuzpe, in grossen Massstäben zu denken. Wobei es ihm vielleicht immer noch ein bisschen besser gefallen würde, auf der anderen Seite des Mahagoni-Tischs zu sitzen – denn sein Ehrgeiz als Rocksänger war seinerzeit auch keineswegs kleinformatig. Aber die zweite Lösung ist ja dann auch nicht schlecht.

Auf derselben Party traf ich zu meiner Überraschung auch Marc Chung, Stamm-Bassist der „Einstürzenden Neubauten“ und ziemlich erfolgreicher Verleger von Indepedent- und Avantgarde- Musik. Der smarte Mr. Chung ist ein ausgesprochen gut erhaltener Charmebolzen, intelligent und humorvoll. Ich fand ihn immer sehr angenehm, auch weil er nicht den „Echter Künstler“-Dünkel mancher Avantgarde-Poser pflegte, sondern immer ein vielseitig interessierter, unvoreingenommener Typ war. Freute mich, ihn in voller Blüte zu sehen – zu der sicher auch seine attraktive Partnerin beitrug, mit der er die Wohnung gegenüber bewohnte.

Später sass ich dann noch mit Jörg in seinem Kaminzimmer. Wir bereiteten ein bisschen den Abend nach und sprachen auch kurz über ein gemeinsames Projekt, eine Kino-Doku, die mit deutscher Musikgeschichte zu tun hat.

Dabei kamen wir auch auf die heutige deutsche Musikszene und uns schien beiden, dass die - trotz einiger weniger Ausnahmen - merkwürdig tot, erstarrt und retromässig daherkommt. Zumindest, wenn man das vergleicht mit der Zeit von Kraftwerk, Can, dann auch der zumindest inneren Kulturrevolution der populären deutschen Musik um 1980 und später den House- und Techno-Beats – zu grossen Teilen eine weltweit wirkende, deutsche Erfindung (Wer übrigens bei Techno meint, das könne nicht rocken, der war in den 90ern nie im Tresor in Berlin).

Jedenfalls wirkt die deutsche Musikszene zwar sehr professionell, aber innerlich
irgendwie schlaff und unkreativ. Aalglatte Produktionen, Pseudo-Tiefsinn oder Retro-Schaumbad. Irgendwie nicht wirklich neu, überraschend, wild, unique oder so.

Dafür mag es viele Gründe geben, wahrscheinlich ist die Popmusik als solche inzwischen etwas verbraucht. Einen grossen Beitrag leistet dazu aber sicher auch die scheussliche Casting-Show-Kultur, die höchstens Talent vernichtet, indem sie völlig falsche Leitbilder propagiert. Hier bekommt das Nachgemachte, Ungewagte, die polierte Durchschnittlichkeit die maximale öffentliche Aufmerksamkeit. Ungehobeltes, Radikales, wirklich Aufregendes und Individuelles hat hier keinen Platz – bloss „tolle Stimmen“ und „geile Frisuren.“

Ich bin jedenfalls, als ich neulich versehentlich in „The Voice Of Germany“ reingezappt bin, regelrecht zurückgezuckt. Der seltsame Heilige aus Mannheim, unsere alte „Was-ist-das-alles-geil-hier“-Nena, die Cowboys aus Berlin und die vielen talentierten, jungen Menschen ohne Identität. Das perfekt ausgeleuchtete Elend.

Die Schönheit des Verfalls (I)

10. November 2012

Anfang Oktober waren M und ich mit unseren Freunden Labbi und Dorthe ein paar Tage im Ostharz zum Wandern. Basislager war Schierke am Fuss des Brockens, ein hübsches langgestrecktes Dorf, das sich zu beiden Seiten der Bode, einem ungebändigt rauschenden Flüsschen, an die Berghänge lehnt. Die Gegend rundum ist urwüchsig und verwunschen, steile Berghänge, die mit unzähligen, tonnenschweren Granitfelsen übersät sind, um die herum sich in den bizarrsten Formen die Wurzeln der Fichten winden, glasklare, regelrecht duftende, schnell fliessende Bäche, winzige Wasserfälle und heideartige Lichtungen, fast zugewachsene, uralte Forellenteiche.

Man spürt und sieht, dass diese Landschaft jahrzehntelang kaum betreten und geformt wurde, sehr viel weniger als jetzt, wo das Gebiet Nationalpark ist.
Denn nur ein paar Kilometer von hier entfernt verlief über 40 Jahre lang die zähnefletschende, innerdeutsche Grenze. Das Dorf und seine Umgebung lagen innerhalb der 5 km-Sperrzone und waren für DDR-Normalsterbliche tabu, auch Verwandte, die zu Besuch kommen wollten, brauchten einen speziellen Passierschein. Unerreichbar war auch der Brocken, mythenumwehter Blocksberg und deutschester aller Berge. Denn da oben unterhielten die Russen eine riesige Horchstation, von der aus man den westdeutschen Telefonverkehr bis nach Frankfurt am Main abhören konnte.

Überall stösst man noch auf Spuren dieser Zeit. Da ist der nur zum Teil zugewucherte, betonierte Patrouillenweg, auf dem einst DDR-Grenztruppen mit Autos, Hunden und Skiern unterwegs waren, um „Grenzdurchbrecher“ mit allen Mitteln am Exodus zu hindern. Ein halbverfallener, minimalistisch gebauter Beobachtungsturm aus Beton, dessen Rundum-Glasfront längst zerborsten ist. Auf dem Dach krümmen sich die Reste grosser Antennen.

Es sind die Relikte einer versunkenen, seltsamen Weltordnung, einer Ordnung, die völlig absurd war und doch in sich wieder so logisch, dass sie mir in den ersten dreissig Jahren meines Lebens beinahe als normal, als gegeben und als dauerhaft erschien.

Wie sehr die Zeit inzwischen über die ganz besondere Kultur des Arbeiter- und Bauernstaats hinweggefräst ist, zeigt sich in Schierke aber vor allem an zwei Gebäuden, die auf eine geradezu symbolische Art verfallen. Es sind zwei ehemalige Hotel- und Erholungs-Paläste der linientreuen Genossen und der regimenahen Prominenz, die sich hier – mit entsprechenden Passierscheinen ausgestattet – fern vom Volk und von ihrem grauen DDR-Alltag erholte.

Eines davon ist das „Hotel Heinrich Heine“, zu DDR-Zeiten das erste Haus am Platz, ein riesiger, mehrflügeliger Kasten, schon zu Kaisers Zeiten erbaut, als Schierke ein luxuriöser Wintersportort war und als „St. Moritz des Nordens“ gepriesen wurde.

Stammgast war Karl-Eduard von Schnitzler, die schmächtige, intellektuelle Giftspritze des DDR-Staatsfernsehens. In seinem “Schwarzen Kanal” malte er die kapitalistische Hölle jenseits der Grenze so schön schaurig aus wie Dante sein Inferno, privat aber hatte er, wie man munkelte, die Finger allzu gern im Mustopf der westlichen Konsumgüter, zu denen er natürlich privilegierten Zugang hatte. Die wilde Propaganda-Schlammschlacht, die er sich mit seinem westlichen Gegenstück Gerhard Löwenthal, dem erzrechten Einpeitscher des „ZDF-Magazins“ über Jahre lieferte, ist mir noch gut in Erinnerung.

Das Gebäude, in dem Schnitzler einst die Westspirituosen fliessen und die ostdeutschen Puppen tanzen liess, verrottet nun seit gut 20 Jahren. Die Ruine ist umzäunt, aber in der Nähe des Haupteingangs klafft ein Durchlass, wie eine Einladung. Wir lassen uns nicht lange bitten.

Teile der hinteren Fassade sind eingestürzt, das Treppenhaus hängt in der Luft wie in zerbombten Häusern des 2. Weltkriegs. Im Hof uralte Bierkästen und zerschlissene, regenfeuchte Sessel im offenbar unzerstörbaren DDR-Gelb-Beige. Beim Blick durch die fast blinde Scheibe des Eingangsportals erkennt man im Schummerlicht die altmodische, vierflügelige Drehtür, durch die es ins Foyer geht, verstaubt und für immer in Bewegungslosigkeit erstarrt. Der Eingang selbst ist wie die meisten Fenster mit Brettern vernagelt, aber ein Stück weiter gibt es dann plötzlich ein ebenerdiges, scheibenloses Fenster, durch das man einsteigen kann – links daneben ein einziges Graffito: „ANGST?“

M und ich klettern rein, Labbi und Dorthe verzichten lieber und warten draussen. Ein leeres, kleines Zimmer, die Tapeten halb abgerissen, alte Reifen, ein brillenloses Klo. In der Ecke das Skelett eines grösseren Vogels, vermutlich einer Elster. Ein paar staubige Federreste kleben noch daran. Dann ein langer Zimmergang, zu dunkel, um weiter vorzudringen. Wir haben leider keine Taschenlampe und die Handys funzeln viel zu schwach. Als wir gerade wieder durch das Fenster steigen, plötzlich ein lautes, knackendes Geräusch im Inneren des Hauses. Die Mädels kreischen filmreif, Labbi versteift sich merklich und ich spüre eine Art elektrischen Schlag. Drinnen herrscht wieder Stille. Sicher nichts Besonderes, in dem Riesenkasten ist viel Holz verbaut, das abeitet halt. Und natürlich wird es da drin Marder geben und vielleicht Waschbären, die sich hier geradezu explosionsartig vermehren und die Mülltonnen der Schierker plündern.

Im Hof an der Rückseite eine offene Kellertür, durch die man in ein Treppenhaus sieht. An der Wand ein Schild mit abwärts zeigendem Pfeil: „Zur Sauna“. Jetzt sehe ich Karl-Eduard deutlich vor mir, wie er mit seiner dünnen Figur im KaDeWe-Bademantel und Adidas-Schlappen zur gemischten Schwitz-Party in den Keller strebt. Wie uns Schierker Eingeborene erklärt hatten, war das promille- und hormongeschwängerte Treiben im „Hotel Heinrich Heine“ selbst in der alles andere als prüden DDR legendär.
Es ist seltsam: Man sieht, hört und riecht die DDR sofort, wenn man darauf stösst. Wie bei den grünen Leuchtbuchstaben über dem hinteren Eingang und dem dazugehörigen Tannenbaum-Logo, im Stil dem DDR-Ampelmännchen irgendwie ähnlich.

Einen Kilometer entfernt, am gegenüberliegenden Ufer der Bode liegt eine zweite, kapitale DDR-Ruine: Das „FDGB-Erholungsheim Hermann Duncker“ , wie die tote Neonschrift anzeigt. Die grosse Steintreppe ist zerborsten, wirkt geradezu wie in Stücke gehauen, das Holzgeländer fault unter Moosflecken. Aber hier sind alle Fenster und Eingänge sorgfältig mit Brettern vernagelt, es gibt anscheinend kein Schlupfloch hinein.

Ich stelle fest, dass die Aura solcher verlassener Gebäude einen ungeheuren Reiz auf mich ausübt. Die unheimliche Schönheit des Verfalls hat etwas ungeheuer Tiefgründiges, Tröstliches, eine schier grenzenlose Gewissheit von Vergänglichkeit. Es gibt nichts Wahreres.

Am nächsten Tag sind wir dann rauf zum Brocken übers Eckerloch. Steil, felsig, Regen. Aber dann on the top erst der eigentliche Regensturm. Wir werden nass bis auf die Unterhosen, erwischen aber glücklicherweise oben direkt die Harzbahn, die uns wieder ins Tal bringt. Das Abteil gerammelt voll, die Fenster beschlagen, die Leute üben sich in Galgenhumor. Ein Paar, das nebeneinander sitzt, schreibt sich gegenseitig SMSen. Gekicher. Dorthe verteilt scheibchenweise Hirschsalami. Abends bei viel Vino vor dem prasselnden Kamin, der hervorragend zieht und eine knallige, frontale Hitze verbreitet. Ich schnappe immer wieder mal kühle Nachtluft am Fenster, unter dem der Fluss rauscht.